Der “Prosteneek” – ein historischer Knotenpunkt in Grevenmacher

Blick vom historeschen “Prosteneek” in die Triererstraße. (Foto: Alain Goedert)

„Der Nabel der Stadt, um einen homerischen Ausdruck zu gebrauchen, ist der ,Prosten Eek‘. Dort ist der Knotenpunkt, wo die großen Weltstraßen nach Trier, Luxemburg, Metz zusammenlaufen, ohne von der Prostengässel zu reden, die zum Strande führt. (Seit 1991: rue Victor Prost, zu Ehren eines bedeutenden Bürgermeisters, der in seiner 30jährigen Amtszeit sehr viel in und für Grevenmacher bewirkt hat). Von den hundert und tausend Automobilen, die an schönen Tagen zwischen Luxemburg-Trier und Trier-Metz einher flitzen, ist kaum eines, das nicht am Prosten Eek vorbeikommt. Man bedenke übrigens, dass diese Drei-Länder-Ecke geschichtlichen Ruhm aufzuweisen hat. An dem Briefkasten des „Roten Hauses“ (heute: Bijouterie Hoffmann) sind, untrüglichen Überlieferungen zufolge, der große Goethe und der erste Napoleon vorbeidefiliert. (…)

(Broschüre: mathis prost 1847-1997)

 

(Es sei darauf hingewiesen, dass der deutsche Dichterfürst Johann Wolfgang von Goethe seine Begegnung mit dem Grevenmacher Postmeister Johann Philippe Jolliot bei der Poststation am „Prosteneek“ (1792) in seinem autobiographischen Werk „Kampagne in Frankreich“ schilderte.)

Der ruhende Pol aber in der ganzen Bewegung ist das Haus, das dem ganzen Umkreis den Namen gibt, nämlich das ‚Al-Prosten-Haus‘ (heute: Filiale der BGL-BNP-Paribas). Es mögen drei Viertel von einem Jahrhundert verflossen sein, seit der alte Papa Prost daselbst den „Heel“ aufgehängt hat (das war im Jahre 1847) und bislang ist das Haus seiner ursprünglichen Bestimmung und seiner langen Tradition treu geblieben. Jedenfalls eines der typischsten Geschäftshäuser des Städtchens. (…)“

Diese stimmungsvolle Beschreibung liefert uns Distriktskommissar Jos. Faber (1867-1960) in den 1920er-1930er Jahren in der „Obermosel-Zeitung“. Im geschichtlichen Überblick der Firma Mathis Prost SA – die 2018 in Prost Group SA umbenannt wurde – heißt es: „Das Unternehmen findet seinen Ursprung im Jahre 1847 in einer Kolonialwarenhandlung in der Moselmetropole Grevenmacher. (…) Nicolas Prost führte in seiner neuen Kolonialwarenhandlung u. a. Kerzen, Sprengpulver und Chemikalien. Er verkaufte ebenfalls Schwefelblüte, das erste Pflanzenschutzmittel gegen Oïdium, eine damals gefürchtete Weinrebenkrankheit.“

Damit ist der Name des einstigen Haupttreffpunktes und zugleich der „guten Stube“ von Grevenmacher erklärt. Auch hier waren leider die schlimmen Wunden, die der Zweite Weltkrieg im Moselstädtchen geschlagen hatte, eine Zeitlang deutlich sichtbar.

Der „Prosteneek“ nach dem 2. Weltkrieg. (Foto: Gemeindearchiv Grevenmacher)

 

Heute – und seit den 1990er Jahren – ist der „Prosteneek“ in die schmucke Grevenmacher Fußgängerzone integriert.

Der einladende Springbrunnen mit der Bronzeplastik der beiden „Kondschafter“ ist ein Werk des deutsch-französischen Künstlers Guy Charlier (* 1954) aus Trier aus den Jahren 1987/88. Die Skulptur entstand nach einem Motiv des Moselmalers Jean-Pierre Beckius (1889-1946) aus Mertert und kostete 3.650.000 Franken, das sind etwa 90.500 Euro.

Die „Kondschafter“ von Jean-Pierre Beckius (1926). (Aquarell im Besitz der Stadt Grevenmacher)

 

Die legendären „Kondschafter“ haben übrigens bereits in der Bibel ihren Platz, (4. Buch Mose / Numeri 13): „Der Herr sprach zu Mose: Schick einige (12) Männer aus, die das Land Kanaan erkunden, das ich den Israeliten geben will. (…) Vierzig Tage, nachdem man sie zur Erkundung des Landes ausgeschickt hatte, machten sie sich auf den Rückweg. (…) Sie erzählten Mose: Wir kamen in das Land, in das du uns geschickt hast: Es ist wirklich ein Land, in dem Milch und Honig fließen; das hier sind seine Früchte

.“
Bei den Früchten handelte es sich saftige um Trauben, getragen von den zwei Kundschaftern Josua und Kaleb – daher der Name „Kalebstraube“.
Der „Prosteneek“ mit dem einstigen Stammhaus der Firma Mathis Prost SA
und mit dem Kundschafterbrunnen von Guy Charlier. (Foto: Monique Hermes)

 

Und „unsere Kondschafter“ warben einst in Grevenmacher und darüber hinaus für den süffigen Moselwein und seine Feste in der Moselmetropole: Der bestbekannte jährliche Weinmarkt als beliebter Treffpunkt kurz nach Ostern und vornehmlich das populäre Trauben- und Weinfest am zweiten Wochenende im September.

Seit 2013 bereichert zudem ein sympathischer Jugendverein namens „Kondschafter a. s. b. l.“ das Grevenmacher Vereinsleben. Stolz tragen die jungen Menschen paarweise die riesige „Kalebstraube“ auf ihren Schultern bei diversen lokalen Veranstaltungen und lassen so eine ganz besondere Tradition aufleben.

Im „Kondschafterléid“, (Musik und Text von Nik. Bohnenberger), heißt es im Refrain:

„Mir Kondschafter hei vu Maacher hiewen d’Glas bei eech.
Kommt, prost mat is an da laa-haa-haach‘ mer:
Dëst sinn déi dräi schéinsten Deeg!“
(Gemeint ist natürlich das jährliche Trauben- und Weinfest am 2. Wochenende im September.)

Und die erste Strophe des Liedes lautet:

Fir d’Drauw hei héich ze hiewen, dofir si mir jo haut do.
Dorrch d’Strooss an och dorrch d’Riewen dro mir eech d’Drauw méi no.


Die Grevenmacher Kondschafter mit der Kalebstraube (Foto: Kondschafter)

 

Monique Hermes
(Gemeindebulletin 9/2019 – Update: Juni 2022)

 

Hauptquelle:
„Au’s Mâcher“ – Bunte Kleinstadtgeschichten von Jos. Faber, zusammengestellt von Jos. Hurt für das „Livre d’Or“: 125e Anniversaire de l’Harmonie Municipale Grevenmacher 1834-1959. Ebenfalls als Separatdruck herausgegeben.