Grevenmacher Freiheitsbürger

So arbeiteten, lebten und feierten
DIE GREVENMACHER FREIHEITSBÜRGER

Der Grundstock der Grevenmacher Bevölkerung bestand, wie es aus den alten Stadtrechnungen ersichtlich ist, hauptsächlich aus Handwerkern, Taglöhnern und Winzern. Nach einer Aufstellung aus dem Jahre 1822, über die Zusammensetzung der Grevenmacher Bevölkerung, kann man ersehen, dass fast die Hälfte aller Hausstände, etwa 120 von 250, als Taglöhner angeführt sind. Offenbar sind die Winzer darin einbegriffen, da sie nicht eigens genannt werden. Daraus kann man ersehen, dass der Weinbau, wie meistens auch heute noch, nicht den Haupterwerb darstellte. Taglöhner und Handwerkerbearbeiteten ihren “Wéngert” nebenbei, nach der gewöhnlichen Arbeit. Seit jeher bestand in Grevenmacher eine Verwachsung mit dem Weinberg, mit diesem Eckchen Erde, das ihm nach seiner täglichen Berufsarbeit die Entspannung in der Natur brachte, wenn er diese Entspannung auch meistens mit einem wehen Rücken und oft mit großen Enttäuschungen bezahlen musste. Der Weinberg war für ihn, und ist es auch heute noch, wie ein Kind, das er pflegte und umhegte. Er jubelte mit den herrlich duftenden Gescheinen, weinte mit den von Hagel zerschlagenen und trauernden Rebstöcken. Doch verzagen tat er nie. Wie oft sah er den Verdienst seiner Mühen in einer einzigen Nacht schwinden, doch nimmer hat er den Mut verloren, immer wieder griff er zur Hacke und zur Scheere.

Dem Weinberg galt seit jeher seine Liebe und seine besondere Sorge. Das Handwerk hingegen war der Haupterwerb eines großen Teils der Grevenmacher Bevölkerung. Seine Blütezeit erlebte das Handwerk hier wie überall in den mittelalterlichen Innungen, Gilden und Zünften. Die Zünfte sind so alt wie das Städtewesen, dem sie ihren Ursprung verdanken. Ihre erste Entstehung fällt in die Zeit zwischen dem 11. und 13. Jahrhundert. In jener Zeit, welche gesellschaftlich und wirtschaftlich erst im Werden begriffen war, hatte zwar der Handel schon eine obrigkeitliche Regelung gefunden, aber das Handwerk war noch immer auf sich selbst gestellt. Da griffen die tatkräftigen Handwerker, angespornt durch die Verleihung der städtischen Freiheiten, zur Selbsthilfe, und schlossen sich zusammen.

Die Zünfte sorgten nicht nur für Schutz und Förderung der Zunftgenossen, sondern auch für die Erhaltung und Fortpflanzung der handwerklichen Fertigkeiten und Traditionen durch rechte Schulung und feste Regeln.

In Grevenmacher waren die meisten Handwerke in einer gemeinschaftlichen Zunft, der Zunft des Hammers, zusammengefasst. Nach einer Aufstellung aus dem Jahre 1569 umfasst die “Maîtrise du marteau” (Anm.: auch Handwerkerzunft) folgende Handwerkszweige:

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Fassbinder und Küfer, Schmiede und Schlosser, Steinmetzen und Steinhauer, Zimmerleute, Wagner und Schreiner, Goldschmiede, Zinngießer, Dachdecker, Glaser und Kesselschmiede.

Zu ihnen gesellten sich Gerber und Schuhmacher, nicht zuletzt aber auch die Schiffer und Fischer, denn damals konnte die Fischerei auch noch bei uns ihren Mann erhalten. Besonders Fischer und Schiffer hatten ihre eigenen Rechte und Satzungen. Aber alle waren sie stolz auf ihre Rechte und auf die Rechte ihrer Vaterstadt. Über diesen Stolz schreibt Adolf Berens in “Kerfegsblo’m” (1921- 1928) folgendes:

“Iwwerhaapt woren déi al Fräiheetsbërger aus der Zäit vun den Handwerrekszënneften an deene goude Schoulverhältnesser an eem Kantonshaaptuert, net zouletzt an eem Mëttelpunkt vun Handel a Verkéier, wéi d’Land keen zweeten opzeweisen hat, recht bemëttelt a gebillt Männer gewiest, wat scho bausserzeg derdorrech zoum Ausdrock komm ass, datt se u Sonn- a Feierdeeg ni anescht ass wéi am Schnëppel an Zylinder a mam Réidstecken an der Handerausgaange sinn.” (Anm.: Die luxemburgische Schreibweise wurde angepasst!)

(Anm.: Jos. Hurt listet im Buch “Der Kreuzerberg und seine Geschichte” (1956) folgende “weltlichen” Bruderschaften für das Jahr 1700 in Grevenmacher auf: die Kaufmannszunft, die Schusterzunft, die Bäckerzunft, die bereits erwähnte Handwerkerzunft (mit dem heiligen Nikolaus als Patron) und die Fischerzunft. Hinzu kommen verschiedene bedeutende kirchliche Bruderschaften, wie z. B. die Heilig-Kreuz-Bruderschaft.)

So blühte der Handel jeglichen Zeichens in allen Gassen und Gässeln. “Aber auch Mâcher hatte in sehr bescheidenem Maßstab seinen Faubourg Saint Antoine”, so schrieb vor einigen Jahren der damalige Distriktskommissar, Herr Jos. Faber. Dieser “Faubourg Saint Antoine” ist der Stued(t). Von ihm sagte Herr Faber bei einer Tischrede, welche er im Jahre 1934 bei Gelegenheit der Fahnenweihe des Handwerkerverbandes hielt:

“Ech sënn net ëmsoss um Kräizwee vum Stuedt opgewuess, fir net vu Kanddeeg un ze gesinn, datt de Stuedt als liewege Museum vum Handwerrek do steet. D’Gaass selwer ass zur Halschecht Werrekstat, a vun eem Enn zum anere fanne mir Meestere vu jidder Zonneft vertrueden. Et ass an der Zäit beim Schousterjang ugaangen, a bei Weisbattisse Fränz op der Bréck huet et opgehalen. Derzwësche sëtzen no uneneen de Schmatt an de Schleesser, de Schräiner an de Woner, de Kéifer, de Steemetzer an de Plaffenéirer. Am Zentrom awer vun alleguer woren der zwee, déi jiddreem vun is virun hëllefen, d’Hiewan an den Doudegriewer.” (Anm.: Die luxemburgische Schreibweise wurde angepasst.)

Doch Grevenmacher hatte keine Industrie, und viele seiner Söhne mussten dauernd oder zeitweise auswärts arbeiten. Einige zogen sogar in die Fremde, besonders nach Paris und Reims. Aber regelmäßig, wie die Wandervögel im Frühling, kämen sie zur Laurentiuskirmes für einige Tage der Erholung und Besinnung wieder in die alte Heimat zurück. Sie fielen besonders durch ihre

gewältere Kleidung auf und prahlten dann und wann mal ein wenig, wenn sie von ihrem wundervollen Leben in der Ferne erzählten.

Außer der Kirmes feierten die Mâcher Freiheitsbürger manches Fest im Laufe des Jahres, denn das Feiern verstanden sie, sowohl früher, wie auch heute noch. Am ausgelassensten ging es wohl an den Fastnachtstagen zu. Soweit kam es, dass die Feierlichkeiten dieser Art vor mehr als 120 Jahren verboten wurden.

Am Fronleichnamsfest feierten die jungen Burschen ihr Hauptfest. Nach dem kirchlichen Teil begann der fröhliche Tanz. Droben auf Sankt Johann endete die Feierlichkeit mit einem Volksfeste. Gegen Morgen gingen die jungen Burschen durch die Ortschaft und spielten und sangen den Stadtautoritäten ein Ständchen. Am Nachmittag hielten sie dann noch eine Weinkollekte, und so ging das Fest langsam zu Ende.

Verschiedene Heiligenfeste, unter anderen Sankt Johannes, Sankt Michael, Sankt Hubertus und Sankt Martin, gaben ebenfalls Anlass zu fröhlichem Treiben.

Wie auch heute noch, bildete das Ende der Weinlese den Ansporn zu einem Freuden- und Dankfest. War die Ernte gut oder schlecht ausgefalen, feiern tat man auf jeden Fall. Vorne auf den Wagen, auf welchem die Bütten standen, setzte man einen großen Strauß oder einen reichlich mit Bändern verzierten Hahn. Hinter dem “Hunn” saßen Leser und Leserinnen, fröhlich singend und krähend. Es wurde ein gemeinschaftliches Mal gehalten, bei welchem bis spät in die Nacht hinein gesungen und gespielt wurde. Zum Schluss wurden dann die im Trägerbuch verzeichneten Leserinnen bestraft für die Trauben, welche sie hängen gelassen hatten. Jede musste sich über einen Stuhl legen und erhielt mit einem Waschbleuel soviel “Britschen”, wie sie Striche im Buch hatte. Die Freude der Zuschauer kann man sich wohl denken.

Dokument, das 1959 bei der Teufelsgeißel im Fundament für die neue Sparkasse gefunden wurde (Foto: Sterba – Gemeindearchiv Grevenmacher)

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Zu diesen mehr oder weniger burlesken Feiern kamen natürlich, das ganze Jahr hindurch, sei es bei öffentlichen Ereignissen, sei es im Familienleben, bei Kindtaufen, Hochzeiten oder Todesfällen, seltsame Gebräuche hinzu, welche tief im Volksglauben eingewurzelt waren. Schwarze Katzen brachten Unglück, und Käuzchen verkündeten den Tod mit ihrem Schreien. Den Chariwari gespielt zu bekommen war nicht gerade schmeichelhaft, und noch weniger, einen Strohmann aufs Dach gesetzt zu bekommen. Gegen die Hexen schützte man sich durch eine Teufelsgeißel, und für den langen Brachmonat legte man sich eine Reserve von Nahrungsmitteln an.

Abends in der Ucht erstanden bei trautem Zusammensein Geister und Gespenster, Gruselgeschichten wurden geglaubt oder bespöttelt. Einige dieser Uchten wurden besonders feierlich begangen. Man nannte sie die vier Hofabende.

So lebten, arbeiteten und feierten die Grevenmacher Freiheitsbürger. Manches hat sich im Laufe der Jahrhunderte geändert. Aber den Stolz auf ihr Heimatstädtchen haben die meisten behalten. Und sollte einer dem alten Mâcher die Treue brechen wollen, so mögen folgende Worte, welche Herr Jos. Faber bei obengenannter Gelegenheit gesprochen hat, ihn zur Ordnung rufen:

Dir huet en Haus, wou de Schmini scho vill Generatiounen dorrech dämpt, a wat fest

Fëllementer am Buedem ston huet.”
Diesem Haus mit seinen festen Fundamenten wollen wir die Treue halten.

Armand Hary (1929-2011), in “Fête Nationale du Travail et de la Terre” Grevenmacher 1958

In “Fête Nationale du Travail et de la Terre” Grevenmacher 1958 (Gemeindearchiv Grevenmacher) (Zusammenstellung: Monique Hermes – 21.03.2017)

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