Fastnachtsrummel bei den Freiheitsbürgern von Grevenmacher

FASTNACHTSRUMMEL bei den Freiheitsbürgern von GREVENMACHER

Hauptartikel – Zusammenstellung: Armand Hary (1929-2011) – “An der Uucht 1959”

Die Fastnacht beginnt bei uns am Lichtmesstage, dem 2. Februar, und dauert bis zum Aschermittwoch. Wie bereits am Sankt Blasiustage die Kinder scharenweise durch die Ortschaften ziehen, um allerhand Schleckereien zu erbetteln, und dabei ihre uralten Liedchen singen, so gibt es solche Umzüge dieganze „Fuesent“ hindurch und besonders auch am Fetten Donnerstag. Am Fastnachtsmontag und am Fastnachtsdienstag erlebt der ganze Rummel seinen Höhepunkt. Am Aschermittwoch wird dann die Fastnacht mit ihrer ausgelassenen Freude offiziell begraben, und die Echternacher, die für ihr munteres Faschingstreiben bekannt sind, können den Masken nicht mehr nachrufen:

„Hôschlie, Hôschlie
De Bockel voll Flieh,
De Bockel voll Leiss,
Du gëss an dengem Liewen net weis.“

Ein alter Mann oder eine alte Frau, welche in Wirklichkeit verkleidete Strohpuppen waren, wurden an diesem Tage in früherer Zeit öffentlich verbrannt. Auf dem Fischmarkt in Luxemburg wurde ein Strohmann verbrannt. In Echternach wurde eine in Trauerkleider gehüllte Strohpuppe unter jämmerlichem Geklage der Zuschauer in die Sauer geworfen. In Ettelbrück wurde die Fastnachtspuppe in den Deichwiesen verbrannt. Die brennenden Reste wurden schließlich in die Alzette geworfen. In Düdelingen führte man die Strohpuppe auf einem Henkerskarren vor die Ortschaft. Dort wurde sie mit Messerstichen „ums Leben gebracht“. Nach all diesen „Mordtaten“ spülten die Männer ihre Trauer und ihr inneres Feuer im Wirtshaus hinunter.

Nun ist die Fastnacht ja begraben, doch wer möchte dieses fröhliche Treiben sofort ganz vermissen. Schon am ersten Fastensonntag flammt das bunte „Freudenfeuer“ wieder auf. Am Burgsonntag wird an vielen Orten das Burgfeuer angezündet, den Sieg des Frühlings über den Winter verkündend.

Zum lustigen Treiben kommt es dann nochmals am Halbfastensonntag, auch Brezelsonntag genannt. Heute enden diese zwei Sonntage für viele in öffentlichen Belustigungslokalen.

Am Halbfastensonntag zogen früher die Kinder in die Häuser jener Leute, welche im vergangenen Jahr geheiratet hatten. Sie wollten die sogenannten

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„Faaschtebounen“ betteln und bekamen meistens Eier, Brezeln oder Geld. Dabei sangen sie:

„Gutt Gléck an ärem Haus!
Gëtt ons d’Faaschtebounen eraus!“

An andern Orten hieß es:

„Mir stiermen, mir stiermen dëst Haus, Gëtt ons d’Faaschtebounen eraus!“

Manchmal sangen sie auch:

„Gutt Gléck an ärem Haus,
Gëtt ons d’Faaschtebounen eraus! Déi jonk Leit solle liewen,
déi al Leit solle stierwen!“

Somit waren die Fastnachtsfeierlichkeiten wieder für ein Jahr vorbei. Nur Grevenmacher, die alte Festungsstadt, wurde bis jetzt nicht erwähnt. In ihrer grotesken, burlesken und dennoch sinnvollen Weise, wie wir später sehen werden, feierten die Maacher Freiheitsbürger ihre „Fuesent“. Mit diesenZeremonien, die ihresgleichen im Ländchen suchten, wollen wir uns etwas länger beschäftigen.

So urtümlich, erdgebunden und bodenständig die Grevenmacher Rede ist, so ist auch sein Volkstum, das in manchen seiner Äußerungen einzig im Lande dasteht. Wie entwickelten und erhielten sich solch eigenartige Gebräuche? Manche von diesen Gebräuchen gehen bis auf die vorchristliche Zeit zurück, erinnern an heidnisches Brauchtum. Dank der starken Eigenart der Bevölkerung, der kompletten Abgeschlossenheit inmitten hoher Festungsmauern sowie der Isolierung bis weit in die Neuzeit hinein, blieb das Grevenmacher Volksgut jeglichem Fremden verschlossen. All dies zusammen hat sein Teil zur Entstehung sowie zur Erhaltung dieses Brauchtums beigetragen. Sie haben dieses wertvolle Kulturgut wenigstens lange genug erhalten, damit der große Volksfreund, Lehrer Anton Wagner, der unter dem Namen X. Mosellanus alle Grevenmacher Eigentümlichkeiten sammelte und herausgab, es uns in seinem Büchlein: „Altertümliche Merkwürdigkeiten der Stadt Grevenmacher“ mitteilen konnte. Durch ihn blieb uns das alte Grevenmacher Volkstum erhalten in Sprache, Brauch, Sitten, in Liedern, Sprüchen und Spielen, in Sagen, Märchen und Volksmeinungen.

DIE „BORSCHT“

Bevor wir die Grevenmacher Fastnachtsbräuche beschreiben, müssen wir eine Vereinigung der Grevenmacher Jugend, die „Borscht“, erwähnen. Der Name kommt vom Wort Burschenschaft. Es war eine Vereinigung aller jungen Burschen der ganzen Ortschaft. Neben der obrigkeitlich gewählten,organisierten und unterhaltenen Bürgergarde, bildete die „Borscht“ eine Art freiwillige Bürgergarde. Sie hatte ihre eigenen, selbstgewählten Regeln und Satzungen.

Ihre Hauptaufgabe bestand darin, bei allen festlichen Gelegenheiten die Bürgerschaft zu vertreten und dabei für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Dies war jener Zeit unbedingt notwendig, denn an den Festtagen kamen jeweils viele Fremde in die Ortschaft, manchmal auch unerwünschte Gesellen, die durch ihr rohes und händelsüchtiges Benehmen auffielen. Hinzu gesellten sich Stromer und Landstreicher, die wie heute noch, in dem Gedränge ihre lichtscheuen Geschäfte ausüben wollten.

Namentlich an den Hauptfeiertagen: Mittfastensonntag (Brezelsonntag und zugleich Hauptpilgertag zur Kreuzkapelle), an den Fastnachts- und Kirmestagen, hielt diese Garde in Festtracht und bewaffnet, die vier Tore besetzt, um den Menschenstrom zu bewachen. Die „Borscht“ war bestimmt der älteste Verein von Grevenmacher und brachte Zucht, Einigkeit und Disziplin unter die männliche Jugend. Bei den verschiedenen Fastnachtsfeierlichkeiten im Besonderen werden wir immer wieder auf den Namen der „Maacher Borscht“ stoßen.

MARIÄ LICHTMESS

Am Lichtmesstage begann offiziell die Fastnachtszeit. Doch vorerst sah man noch nicht viel von der Freude und Ausgelassenheit. In den Häusern wurde das gesegnete Wachs angezündet. Der Hausvater hielt das brennende Wachslicht in der Hand. Die Familie ging mit ihm im Haus herum. An alle Türen wurde ein Kreuzlein aus gesegnetem Wachs angeheftet. Dann wir den religiösen Zeremonien Genüge getan, und die weltlichen Belustigungen nahmen ihren Anfang. Der Lichtmessabend war, als erster Fastnachtstag, dem Spiel und der Unterhaltung gewidmet.

Im „Borschthause“, dem Versammlungslokal der „Borscht“, wurde die Generalversammlung abgehalten. Die Fastnachtsfeiern standen vor der Tür, nun sollten die Hauptrollen bei den Umzügen und sonstigen Veranstaltungen verteilt werden. Es waren dies:

– Der wilde Mann, Hauptdarsteller,

  • –  der Läufer,
  • –  die zwei Husaren,
  • –  die „Hanswursten“,
  • –  der Schäfer und die Schäferin,
  • –  der Jäger und die Jägerin,
  • –  der besoffene Bauer,
  • –  der Pfarrer,
  • –  die Mehlmrei.

    Diese Posten wurden nicht verlost, sondern versteigert, damit die „Borschtkasse“ gefüllt wurde. Wollte man eine wichtige Rolle spielen, so musste man es sich schon etwas kosten lassen. Zuerst wurde die Stelle des Läufers vergeben. Der Läufer gehörte zu jedem Festzuge und war eine Art öffentlicher Ausrufer. Am frühen Morgen des Festes eilte er durch die Straßen und verkündete die Dinge, die da kommen sollten. Hatte er seinen Rundgang beendigt, so machte er sich auf die zweite Runde. Während des Umzugs durfte er in der ganzen Ortschaft Geld aufheben, und so seinen Einsatz zurückerbetteln und eventuell auch noch ein Geschäftchen machen. Ohne Profitchen hatte das Ganze ja auch für ihn keinen Wert.

    An demselben Abend wurde auch der wilde Mann gewählt: der größte und stärkste Kerl der ganzen Burschenschaft musste es sein. Die Stellen der Husaren, der Hanswursten, des Jägers und der Jägerin, das Schäfers und der Schäferin wurden ebenfalls versteigert.

    SANKT BLASIUS

    Wie sonst wo im Lande, so hielten auch die Kinder von Grevenmacher ab diesem Tage ihren offiziellen Bettelgang. Besonders die Grevenmacher Mädchen taten dies in geordnetem Zug. Ihren Umzug eröffnete ein festlich gekleidetes Bräutchen. Ihre Körbe am Arm, folgten die andern Mädchen. Dabei sangen sie ein Liedchen, das durch sein Gemisch von luxemburgischen und deutschen Worten seltsam anmutet. Doch diese Bettelliedchen, die von Ort zu Ort änderten, bestanden oft aus fremdsprachigen und aus Dialektausdrücken, welche des Reimes wegen so kunterbunt von der Jugend zusammengestellt wurden. Es folgt der Text des Grevenmacher Liedchens:

    „Hei kommen déi Maacher Meedercher, Se heesche Fuesentsbréidercher.
    Mer wënschen dem Här e gëllen Dësch, Darauf gesueden, gebake Fësch.

    Mer wënschen der Fra e Keller voll Wäin, Damit soll sie brav und lustig sein.
    Mer wënschen dem Sohn e gëlle Won,

Dazou déi Rieder mat Sëlwer beschlon.
Mer wënschen der Duechter eng gëlle Kroun, Damit soll si zum Himmel agon.
Mer wënschen eis selwer e Fuesentsbrot, Gott géif et, datt e wuel gerot.

FETTER DONNERSTAG

Wie in Luxemburg, so wurde auch in Grevenmacher der „fette Ochs“, auch „Danzen-Ochs“ genannt, durch die Straßen der Stadt geführt. Voran schritten einige Mitglieder der „Borscht“, mit Rufen und Tambourgerassel auf das große Ereignis aufmerksam machend. Einer oder ein paar Metzger der Stadt führten den mit Bändern, Blumensträußen und Kokarden reichverzierten „Tanzochsen“. Auf den Hörnern trug das Tier eine aus Papier nachgebildete Goldkrone. Die Metzgermeister selbst waren festlich gekleidet in ihren blutroten Westen mit den großen Silberknöpfen. Eine Schar Kinder und Erwachsener tanzten rundum und wurden des lustigen Treibens nicht müde. Der bunte Umzug wogte stundenlang durch die Straßen der Stadt. In Wirtshäusern und Metzgerläden hielt die lustige Gesellschaft Einkehr, und das Ganze endete in einem Volksfest, wobei fleißig getanzt und getrunken wurde.

Auch später noch, als die „Tanzochsen“ nicht mehr durch die Ortschaft geführt wurden, hielten die Grevenmacher Metzger darauf, am fetten Donnerstag einen schönen Ochsen vor ihrer Tür stehen zu haben.

Ebenso wie der Sankt Blasiustag, so war auch der Fette Donnerstag eine Gelegenheit zu Bettelgängen. Es waren besonders die „Fasteneier“, welche man erbettelte. Der Lehrer ging mit seinen Schülern von Haus zu Haus, der Küster tat desgleichen mit den Messdienern. Alle, was sie erbettelten, gehörte dem Pfarrer und der Kirche.

Auch der Hirt und der Müller wollten ihr Teil haben, und so gingen denn auch sie von Haus zu Haus ihre Fastnachtsgaben erbetteln.

DIE HAUPTFASTNACHTSTAGE

Heute noch unterscheiden sich die drei letzten Fastnachtstage von den anderen Fastnachtssonntagen durch viele karnevalistische Umzüge und Veranstaltungen. Früher war dieser Unterschied noch viel ausgeprägter. Diese drei Tage wurden sehr geräuschvoll verbracht. Nach Wagner und Berens trugen sich die Feierlichkeiten ungefähr folgendermaßen zu:

Durch die Straßen von Grevenmacher führte man den wilden Mann, welchen man am Lichtmesstage gewählt hatte. Der stärkste Mann der „Borscht“ musste es sein. Seine Kleider waren ganz mit Efeublättern bedeckt. Diese waren,

ähnlich wie die Schiefer auf einem Dach, darauf genäht worden. Vor dem Gesicht trug er eine Maske. Ein „Geschichtemes“, das ihn furchtbar entstellte. Sie war aus einem alten Filzhut hergestellt, zeigte rote Augen, eine wackelnde Nase, einen großen Rachen und hatte einen riesigen Pferdeschweif als Bart. An den Beinen schleppte der wilde Mann schwere, eiserne Ketten nach, und in der Hand hielt er als Waffe einen Baumstamm, welchen man mit Wurzeln aus dem Erdreich gehoben hatte. Im „Borschthaus“ hatten sich alle Mitglieder der „Borscht“ versammelt. Dort wurde der wilde Mann angekleidet und dann allein gelassen. Nachher wollten ihn alle wieder abholen, gemeinsam mit der ganzen Bevölkerung.

Wir wollen noch einmal die Hauptpersonen des Umzuges vorstellen. Wie wir schon oben erfuhren, mussten sie alle zur „Borscht“ gehören und durften also nur Jünglinge sein, wenn manche von ihnen auch eine Weibsperson darzustellen hatten. Sie wurden wie folgt benannt: Der wilde Mann, der Läufer, die zwei Husaren, die Hanswursten, der Schäfer und die Schäferin, der Jäger und die Jägerin, der besoffene Bauer, der Pfarrer, die Mehlmrei.

Wie das Tragen von Waffen heute von dem Zahlen einer Taxe abhängig ist, so war diese damals ein Vorrecht der Burschenschaft. Nur die Mitglieder der „Borscht“ durften „Geschichtemes“ tragen.

Die „große Stunde“ war gekommen. Bald sollte es losgehen. Die „Borscht“ stand bereit, um den wilden Mann abzuholen. Dreimal eilte der Läufer durch die Straßen. Kräftig ließ er seine riesige Peitsche knallen und verkündete so das große Ereignis. Kaum hatte er seinen Lauf beendigt, so war die Reihe an den Hanswursten. Sie machten es sich bequemer und vollführten ihre Runde zu Pferd. Ihrer sechs ritten durch die Stadt, und einer von ihnen verkündete mit lauter Stimme an allen Straßenecken.

„Ihr lieben Leute! Euch droht seit einiger Zeit eine große Gefahr. Wie oft hat der wilde Mann seit einiger Zeit die durch den Wald reisenden Bürger erschreckt. Jetzt könnt ihr endlich aufatmen, denn der Schrecken ist beseitigt. Der Schäfer hat seinen Aufenthaltsort entdeckt und dem Jäger ihn verraten. Der Jäger hat ihn gefangen und mit Hilfe der Husaren ins „Borschthaus“ gebracht. Nun werden wir ihn bald durch die Stadt führen, damit ihr ihn alle bestaunen könnt. Zu fürchten braucht ihr ihn nicht mehr, denn die Husaren werden ihn beständig in Ketten gefesselt halten.“

So riefen sie und ritten weiter. Währenddessen eilten Jung und Alt zum Gefängnis des wilden Mannes, wo sich die ganze Burschenschaft und mit ihnen die Hauptpersonen der Kavalkade schon eingefunden hatten. Bald waren alle bereit. Drinnen im „Borschthaus“ brüllte, wütete und tobte der wilde Mann.Dann und wann zeigte er sich am Fenster und kam manchmal sogar bis auf die

Haustür gesprungen. Dann wich alles erschrocken zurück, worauf sich das Ungetüm befriedigt wieder ins Haus begab. Vor der Türe hielten die Husaren schwere Ketten bereit und versperrten so den Ausgang. Bald wurden die Wartenden ungeduldig, und einer der Hanswurste schrie: „Der Kerl will ja nicht heraus, haben wir denn keinen Schnapswirt hier?“

Der „besoffene Bauer“ trat hinzu. Der gute „Alte“ war ganz in Stroh eingewickelt und mit einem groben Kittel bekleidet, was ihm ein unförmiges Aussehen verlieh. Er hielt einen Krug mit Wein in der Hand und bot dem wilden Mann, welcher sich eben auf der Türschwelle zeigte, einen Trunk an. Dieser nahm das angebotene Glas, trank es in einem Zuge leer und schrie dann aufgebracht, der Wein tauge nichts. Er warf das Glas auf den Boden und zog sich wütend ins Haus zurück.

Der Hanswurst rief zum zweiten Mal: „Haben wir denn keinen Pfarrer hier?“ Der als Pfarrer verkleidete Bursche trat nun vor, in langem, schwarzem Rock, eine Brille tragend, einen Stecken in der Hand und ein dickes Buch unter dem Arm. Dem wilden Mann hielt er das Buch zum Lesen hin, doch die Anwesenden schrien: „Dieser Wilde kann ja nicht lesen!“ Der Pfarrer setzte ihm die Brille auf, während die Menge noch lauter schrie: „Er kann ja nicht, er kann noch immer nicht!“ Über diese Ausrufe ergrimmt, hob der Wilde seinen Baum, stieß damit nach dem Pfarrer und zog sich wiederum zurück.

Nun rief der Hanswurst nach einem „Weibsbild“. Die Mehlmrei näherte sich, eine schmutzig und ärmlich gekleidete Alte. Mit Mehl hatte der Bursche sich das Gesicht gepudert und mit Kohle tiefe Runzeln hineingezogen. Hässlich sah sie wirklich aus, die „gute Alte“. Kaum hatte der wilde Mann sie erblickt, so stürzte er auf sie zu und umarmte sie dermaßen heftig, dass sie laut um Hilfe rief. Die Husaren eilten hinzu und befreiten sie von dem Unhold.

Mehlmrei machte sich aus dem Staube, und an ihre Stelle trat die schön herausgeputzte Schäferin. Nun wurde der Wilde zahm und, von der Schäferin bezaubert, ließ er sich die Ketten geduldig anlegen. Der Zug setzte sich in Bewegung, eröffnet von mehreren Säbelträgern. Brüllend folgte der wilde Mann, während die Husaren seine Fesseln hielten. Er schrie ohne Unterbrechung und schlug wild mit dem Baum um sich. Ihm folgten die Hauptleute sowie ein paar Dutzend Hanswurste mit Klabbern Radau schlagend und mit hölzernen Säbeln versehen, womit sie die Zuschauer auf den Rücken schlugen. So wogte der Narrenzug durch alle Straßen und Gassen, während die Beteiligten immer wieder schrien: „Seht den wilden Mann! Schaut her! Wir bringen den wilden Mann!“ Zornig schlug der Wilde immer wieder mit seinem Baum um sich, warf ihn auch manchmal weit von sich fort. Dann versuchten die Teilnehmer des Festzuges den Baum zu ergreifen und in ein Wirtshaus zu eilen. Gelang es einem, erreichte er das Wirtshaus, ohne von den Husaren festgehalten

zu werden, so wurde er an diesem Tag zehrfrei gehalten, er durfte trinken, soviel er wollte, und brauchte nicht zu zahlen. Wenn die Husaren ihn aber erhaschten, so war er selbst der Betrogene. Die ganze Gesellschaft kehrte in das nächste Wirtshaus ein, und er selbst musste eine Runde zum Besten geben.

Dem offiziellen Zug folgten noch mehrere Männer, welche Körbe ohne Boden mit sich trugen. Sie versuchten diese über die Zuschauer zu werfen, die weiblichen Zuschauer waren natürlich bevorzugt, und schleppten dann ihre Beute mit fort.

Zum Schluss der Vorstellung tanzte vor dem Stadthause der wilde Mann mit der Schäferin, wozu ihn die Husaren ganz loslassen mussten. Gelang es ihm, bei diesem Tanz zu entkommen, und sich ins nächste Gasthaus zu flüchten, ohne dass jemand ihn auffangen konnte, so mussten die Husaren die Schlusszeche bezahlen. Die Zuschauer standen gewöhnlich dem wilden Mann bei, damit er davoneilen konnte. Er suchte sich das nächste Wirtshaus als Zufluchtsstätte aus, wo der Wirt gewöhnlich unentgeltlich für den wilden Gesellen ausschankte.

Im Jahre 1822 wurde dieser Umzug öffentlich verboten. Er hatte gewöhnlich viel Unfug und skandalöses Treiben zur Folge gehabt. Auch war er berüchtigt wegen seines groben, ungeschliffenen und manchmal sittenverletzenden Auftretens. All dies bewirkte sein Verbot.

Von diesem Umzug berichtet J. N. Moes noch folgende Einzelheiten: „Um die Lenden des wilden Mannes war eine lange Kette geschlungen, und zwei Führer, von denen jeder ein Ende derselben erfasst hatte, hielten ihn damit in ihrer Gewalt. Alle andern jungen Leute verteilten sich in zwei Haufen; die einen gesellten sich als Begleiter zum wilden Mann, während die andern, mit hölzernen Säbeln bewaffnet, als Gegner desselben auftreten sollten. Der Aufzug begann damit, dass die Säbelträger, die sich unter einem Anführer in der Straße aufgestellt hatten, dem wilden Mann den Ausgang aus dem Hause verwehrten. Es entspinnt sich ein Kampf, und es gelingt dem wilden Kumpan durchzubrechen; doch von zahlreichen Feinden umringt, dürfte er unterliegen, wenn seine Begleiter ihm nicht zu Hilfe eilen und ihm frischen Mut einflößen. Mit erneuter Wut wirft sich der Wilde auf seine Gegner; sie fliehen, und da er sie nicht mehr erreichen kann, schleudert er ihnen seine Keule nach. Beide Parteien streiten sich um den Besitz des Baumstammes, denn diejenige, welche ihn schließlich erringt, hat einen Sester Wein gewonnen.“

Vom Fastnachtsdienstag erzählt derselbe noch folgendes:

„Am Dienstagmorgen vermummten sich zwei Burschen, der eine als hübscher, junger Schäfer mit bebändertem Hute und einem Hirtenstab in der Hand, der andere als jugendliche, rotwangige Schäferin in ländlichem Sonntagsstaat, einen netten Hängekorb im Arm tragend. So schritten beide unter Absingen

fröhlicher Lieder von Haus zu Haus und sammelten Gaben. Unerwartet erscheint plötzlich mit seinen Gesellen der wilde Mann. Er greift zuerst in den Korb und verschlingt gierig von dessen Inhalt, was ihm behagt; darauf drückt er die Schäferin an sein Herz, während er den zitternden Schäfer mit seiner Keule bedroht. Doch ebenso unerwartet treten nun die Säbelträger auf, befreien Schäfer und Schäferin und jagen den wilden Mann nebst seiner Bande in die Flucht. Abends wurden dann abermals die gesammelten Gaben beim Wein lustig verzehrt.“

Nachdem der Umzug mit dem wilden Mann verboten worden war, wurde an dessen Statt die sogenannte „Bauernhochzeit“ gefeiert in einem vorher bestimmten Wirtshaus. Musikanten wurden bestellt, und gingen vor das Hochzeitshaus spielen, um die Hochzeitspaare, die aus allen Straßen der Stadt sich dahin begeben hatten, herauszulocken. Sie spielten lustig drauf los. Inzwischen hatten sich auch viele Zuschauer eingefunden. Wenn sich die alte „Fräch“ mit dem Breilöffel an der Seite zeigte, schrien alle Umstehenden laut: „Das ist die rechte Braut nicht!“ Die alte „Fräch“ verschwand im Haus und kam bald darauf mit dem alten „Herch“ am Arm wieder auf die Tür. Die Zuschauer schrien wiederum: „Das ist nicht die rechte Braut; die rechte Braut muss kommen.“ Immer kräftiger und lustiger spielte die Musik, immer lauter schrien die Zuschauer, bis endlich der Hochzeiter mit der rechten Braut zum Vorschein kam. Beide trugen Masken. Die letzten Musiktöne verklangen, vor der Tür wurde ein großes, weißes Tuch ausgebreitet, worauf das Brautpaar niederkniete und von der „Fräch“ und dem „Herch“ den Segen erhielt.

Alle Paare traten aus dem Haus, der Zug ordnete sich, und lustig wanderte man durch die Straßen der Stadt. Vor dem Stadthaus endete die Reise, ebendort hielten „Braut und Bräutigam“ ihren ersten Tanz im Freien. Bis tief in die Nacht hinein belustigte man sich in den verschiedenen Wirtshäusern, worauf jeder Brautjunge sein Brautmädchen nach Hause führte.

In Verbindung mit dieser Feierlichkeit wurde am Fastnachtsdienstag ein anderer Zug, „Kohrschnatz“ genannt, abgehalten. Daran beteiligten sich alle Jünglinge und Mädchen der Ortschaft, mit Bändern verzierte Sicheln tragend. Der „Hofmann“ und die „Hoffräch“ eröffneten den Zug. An allen Straßenecken wurde getanzt; meistens war es eine Art Ringelreihen. Auch Jäger und Jägerin, Schäfer und Schäferin begleiteten den Zug. Beim Tanz hielten sie sich, zusammen mit dem Hofmann und der Hoffräch, in der Mitte des Kreises.

„Bauernhochzeit“ und „Kohrschnatz“, welche uns durch die Schrift von A. Wagner erzählt werden, dauerten ungefähr bis zum Jahre 1850.

ASCHERMITTWOCH

Während in vielen luxemburgischen Ortschaften die Fastnacht auf eine mehr oder weniger grausame oder groteske Art und Weise begraben wurde, so verbrannte und begrub man in Grevenmacher den wilden Mann. Wiederum kamen die Mitglieder der „Borscht“ zusammen. Vorher hatte einer derHanswursten an allen Ecken ausgerufen: „Wir können den wilden Mann nicht mehr bändigen. Immer wieder treibt er Unfug. Mehrmals schon wollte er ausbrechen. Da blieb uns nichts anderes übrig, als ihn zum Tod zu verurteilen. Wir wollen ihn also verbrennen und daraufhin begraben.“

Währenddessen bekleidete man im „Borschthaus“ eine Strohpuppe mit dem Anzug des wilden Mannes. Man legte sie auf einen Wagen, woran man sie mit Ketten festband. Unter Musik und lustigem Geschrei fuhr man den Wegen aufs Feld, wo unter allgemeiner Belustigung der wilde Mann verbrannt wurde.

Zu diesen Geschehnissen erzählt Ed. de la Fontaine in „Luxemburger Sitten und Bräuchen“ folgende Variante:
„Am Aschermittwoch standen vor dem Hause, in welchem sich am vorigen Montag alle verkleidet hatten, die Führer, Begleiter und Gegner des wilden Mannes und überließen sich unter Heulen und Wehklagen der tiefsten Trauer. Der wilde Mann lag als Leiche ausgestreckt auf einer Totenbahre. In eigens für diese Gelegenheit abgefassten Sprüchen beklagten alle sein Schicksal, und weinend luden sie den Strohmann, der in die Verkleidung des wilden Mannes eingehüllt worden war, auf, trugen ihn durch die Straßen und dann vor die Stadt. Hier ward der Tote zwischen zwei Stangen aufgerichtet und unter Absingen von Grabliedern verbrannt.“

In die Ortschaft zurückgekehrt, fuhr man zum „Wawerweiher“. Mit einem großen Leiterwagen fuhren die „Borschtjungen“ in der ganzen Ortschaft umher und luden gewaltsam all jene Mädchen auf, welche vor den Fasten nicht geheiratet, und also für dieses Jahr die Gelegenheit verpasst hatten. Sie sollten nun in den Wawerweiher, einen Weiher, der sich jenseits der Mosel beim Dorfe Wawern befand, geführt werden. Der Wawerweiher war bekannt und gefürchtet für seine allnächtlichen Geistererscheinungen. Es sollten dies die Geister „alter Jungfern“ sein, welche zeitlebens keinen Mann gefunden hatten, und als Strafe nun den Fröschen Strümpfe stricken mussten. Während man mit dem Wagen durch die Stadt fuhr, sang man das Lied vom Wawerweiher. Vor der Stadt ließ man dann die so getadelten Jungfrauen wieder in Freiheit. Dieser kurze Umzug sollte eine Warnung sein, und zugleich eine Warnung, sich nicht mehr so erwischen zu lassen.

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts wurden diese beiden Aufzüge vom Aschermittwoch auf den Nachmittag des Fastnachtsdienstages verlegt. Um 1850 herum verschwanden sie mit dem Rest dieser eigenartigen Bräuche.

ERKLÄRUNG

Interessant ist die Erklärung, welche Ed. de la Fontaine im oben erwähnten Büchlein von diesen seltsamen Bräuchen gibt:

„Dieser ganze Vorgang ist eine recht poetische Dramatisierung des Kampfes zwischen den Jahreszeiten, des Ringens zwischen Sommer und Winter, oder in andern Worten, der Kampf des neuen Sonnengottes mit dem Winterriesen um den Besitz seiner Braut, die jugendliche Erdgöttin. Der wilde Mann personifiziert den Winter. Sehr richtig gewählt ist eine Kleidung mit Immergrün, das bei uns den Namen „Wantergréng“ trägt. Die Personifikation des Sommers finden wir montags in dem Anführer der Säbelträger. Gegner des wilden Mannes dienstags in dem Schäfer und der Schäferin. Am ersten Tage siegt der Winter. Der Kampf am zweiten Tage bildet die eigentliche Frühlingsfeier. Dem siegenden, blühenden Sommer unterliegt der ausgelebte, ermattete Winter.

Als der ursprüngliche Sinn dieser alten Volksfeier verlorengegangen war, personifizierte der wilde Mann am Aschermittwoch nicht mehr den Winter, sondern die Fastnacht. Wie man um die fröhliche Kirmeszeit trauern kann, so durfte man auch um das Ende des lustigen Karnevals sein Leid aussprechen, und deshalb finden wir beim Tod des wilden Mannes Wehklagen, statt Frohlocken.

Ein echter Zug aus heidnischer Zeit ist noch das Ergreifen und Herumführen der Mädchen. Die Frühlingsgottheiten sind der Ehe hold und strafen ohne Erbarmen diejenigen, welche dieselbe verschmähen. Zum Heiraten ist aber die Fastnachtszeit die althergebrachte Zeit, und diese haben die Mädchen verstreichen lassen, ohne in den Ehestand zu treten.

Das auf den Wawerweiherführen erscheint daher als eine Strafe für sie und zugleich als eine Warnung, dass sie keine alten Jungfern werden sollen.“

So waren die alten Karnevalsbräuche nicht nur eine Belustigungsgelegenheit, sondern hatten nicht zuletzt auch einen althergebrachten symbolischen Sinn.

Quellen samt Kurzbiographien:

 Armand HARY (1929-2011): Er war Lehrer, Professor und Geologe. Seine gesamte Lehrerkarriere spielte sich in Grevenmacher ab, wo er von 1955 bis 1960 als Lehrer in der Primärschule, von 1960 bis 1969 in der Oberprimärschule und von 1969 bis 1990 in der Mittelschule, dem „Collège d’enseignement moyen et professionnel de l’Est (ab 1979

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„Lycée technique Joseph Bech“) wirkte. Des Weiteren war Armand Hary u. a. wissenschaftlicher Mitarbeiter des „Service géologique“ und des naturhistorischen Museums und Mitglied der „Section des sciences“ des „Institut grand-ducal“. Er ist der Autor zahlreicher Veröffentlichungen, die von Folklore und Geschichte handeln, u. a. im Kalender „An der Ucht“, in der Luxemburger Kinderzeitung „Zack“, wo er als Redaktionsmitglied fungierte, sowie in zahlreichen Veröffentlichungen von Grevenmacher Vereinen.

(Wikipedia – Armand Hary)

 Anton WAGNER (1844-1886): Er stammte aus Berburg, war Lehrer in Junglinster sowie an der Oberprimärschule in Grevenmacher. Dort wurde er später Hauptlehrer. Anton Wagner veröffentlichte eine ganze Reihe von Schulbüchern, u. a. eine „Geographie für die Luxemburger Schulen“ (1884). Wagner, der ebenfalls Mitarbeiter am „Sagenschatz des Luxemburger Landes“ (1883) von Dr. Nikolaus Gredt war, verdiente sich mit seinem Hauptwerk: „Althertümliche Merkwürdigkeiten der Stadt Grevenmacher, Eine Sammlung von Sagen und Märchen, Sitten und Gebräuchen, Volksmeinungen, Liedern, Sprüchen, Spielen u. s. w. gesammelt, herausgegeben und seinen Mitbürgern gewidmet von X. Mosellanus. Nebst einem Anhang.“ den Titel „Vater der moselländischen Volkskunde“, den Paul Noesen (1891-1960) ihm zuerkannte. Auf den Anhang in diesem Büchlein werden wir zurückkommen. Anton Wagner ertrank am 13. Juli 1886 beim Baden in der Mosel.

1) 2)

Luxemburger Autorenlexikon
Monique Hermes / Jean Welter: „Alterthümliche Merkwürdigkeiten der Stadt Grevenmacher“ in „Die Warte“ – Luxemburger Wort (10 Teile, vom 17.10.1985 bis zum 23.01.1986 + 10.07.1986).

 Gregor
Postverwaltung und beschäftigte sich in seiner Freizeit mit volkskundlichen Themen und Sagen. Die humoristisch-historische Studie „Die Bauernhochzeit in früheren Zeiten“ von G. Suranus van der Esch befindet sich im Anhang von Anton Wagners „Merkwürdigkeiten …“, genau wie „Das Kirchweihfest der alten Freiheitsbürger von Esch an der Sauer“ nach der Tradition bearbeitet von G. Suranus van der Esch.

Luxemburger Autorenlexikon

Im obigen Text zitiert werden des Weiteren:

 J.-N. Moes (1857-1907): Er war zeitweilig Oberlehrer in Vianden, widmete sich dann ganz dem Journalismus und war Mitarbeiter bei

SPEDENER: (1865-1943): Er stand im Dienst der

verschiedenen Zeitungen. Wo Moes vom Umzug des wilden Mannes in Grevenmacher berichtete, wie Armnd Hary zitiert, konnte bis dato nicht herausgefunden werden.

 Edmond de la Fontaine, alias Dicks (1823-1891): Er gehört mit Michel Lentz und Michel Rodange zu den „Kapphäre vun eiser Sprooch“ (Heng Rinnen). 1883 veröffentlichte er das Werk: „Luxemburger Sitten und Bräuche“, das hundert Jahre später, 1983, bei den „Editions J.-P. Krippler-Muller neu aufgelegt wurde. Im Kapitel „Die drei Hauptfastnachtstage“ befasst Dicks sich ausführlich mit dem Brauch des wilden Mannes. Seine Beschreibung beginnt mit dem Statement: „Noch im Anfang dieses Jahrhunderts (des 19. Jahrhunderts demnach) feierte man die Fastnacht im Städtchen Grevenmacher auf eine recht anziehende Art.“ Dicks liefert anschließend ebenfalls jene Erklärung zu diesem Brauch, welche Armand Hary zitiert.

Zusammenstellung: Monique Hermes

Viele interessante „Merkwürdigkeiten“ über Grevenmacher hat Anton Wagner 1885 in seinem Büchlein festgehalten

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